Saisonstart in den Nachbarligen – Sommer-Hopping 2016

Saisonstart in den Nachbarligen – Sommer-Hopping 2016

Regionalliga Bayern, 1. Spieltag, 16.- 17.07.16

FC Augsburg II – 1.FC Nürnberg II   1:1 (1:0)   Rosenaustadion

FC Bayern II – FV Illterissen             2:1 (2:1)   Städtisches Stadion an der Grünwalder Straße


3.Liga, 1. Spieltag, 29.07.16

Meidericher SV – SC 07 Paderborn     1:0 (0:0) Wedaustadion


Regionalliga West, 1. Spieltag, 30.07.16

Rot-Weiß Oberhausen- Rot-Weiß Ahlen 0:4 (0:0)   Niederrheinstadion

 

Schon des Öfteren habe ich ausschweifend über eine adäquate Definition eines „Spieltags“ schwadroniert, immer mit dem Ergebnis, dass, zumindest bei einer breit geöffneten hermeneutischen Annäherung an das sich im Regelfall, kalendarisch betrachtet, nur allwöchentlich ereignende Phänomen, jeden Tag irgendwie „Spieltag“ ist und die neunzigminütige Darbietung auf dem rechteckigen Grün lediglich den Höhepunkt oder eben das sichtbare Resultat der, zwischen den terminierten Fußballpartien, täglich gelebten Spieltage ist. Dies gilt sowohl für die am Fußballspiel beteiligten Mannschaften, welche ihre Trainingsergebnisse nun unter Wettkampfbedingungen in einem fertigen Spiel präsentieren, als auch für die Fans auf den Rängen, deren täglicher Einsatz und Vorbereitung zur Unterstützung des eigenen Teams einerseits und für eine würdevolle Vertretung der eigene Farben andererseits an diesem Tag kulminieren. Besonders auf die Probe gestellt wird diese streitbare Betrachtungsweise in den verhassten spielfreien Wochen, bekanntermaßen in der Zeit nach Weihnachten und zwischen den Spielzeiten nach Beendigung einer Saison im Mai. Dabei gilt es zumeist noch die abgelaufene Saison emotional zu verarbeiten; der mögliche Argwohn über einen etwaigen Abstieg oder einen verpassten Aufstieg schmälert noch die Vorfreude und Zuversicht auf eine Besserung in der neuen Runde oder hat die emotionalen Kraftreserven weitestgehend verbraucht.
Auf meinen Stuttgarter Kumpel und mich trifft diese Ausgangslage zur Sommerpause 2016 ganz gut zu, auch wenn zum Zeitpunkt der hier berichteten Abenteuerfahrten längst das Fieber und die unbändige Vorfreude auf die neue Saison alle Blessuren und Narben der Enttäuschungen von gestern, mittlerweile vorgestern, haben verblassen lassen. Und allein dieser emotionale Verarbeitungsprozess und das Streben nach neuen Zielen auf der Landkarte, die Gier nach neuen Anekdoten bei Auswärtsfahrten, neuen Stadien und zurückkehrenden Erfolgen beantworten die Frage eigentlich schon, ob denn im Juni und Juli „Spieltage“ auch seien. Wenn ein Spieltag ergo jeden Tag ist, ist folglich auch irgendwie immer Saison. Aufgrund der höheren technischen Veranlagung dieses Terminus fällt eine Begründung für diese These schwieriger, doch schnappt man sich einen fußballbesessenen Kumpanen und durchstreift Sonderhefte und einschlägige Internetplattformen, wird man immer irgendwo eine laufende Saison oder einen Spieltag finden. Durch die Europameisterschaft, ungeachtet ihres Sonderstatus zur strukturellen Beschaffenheit des Wettbewerbs, da ja nationale Verbände anstelle von Vereinen das Teilnehmerfeld bilden und somit die obige Spieltags-Definition nicht in dieser Form aufrecht zu erhalten ist, weiterhin den Saisonkalendern in den nordeuropäischen Ländern oder den Qualifikationsspiele für die Europapokal-Wettbewerbe, ist man auch in der scheinbar „fuballfreien“ Zeit bestens mit Möglichkeiten versorgt, der Passion für das runde Leder nachzukommen.
Im Grunde müsste man fast dankbar sein für die Sommerpause. Sie ermöglicht es, Stadien zu besuchen, in denen der eigene Verein schon lange nicht mehr als Gast geladen war oder die längst durch Neubauten in Vergessenheit geraten sind und sie bietet ferner die Chance die Liebe zum Sport und seinem Drumherum mit Freunden zu teilen, die unter der Saison – ich weiß, durch die Verwendung an dieser Stelle schieße ich mir mit dem Definitions-Kokolores von vorhin ein Eigentor – am Hamburger Hafen flanieren oder den Dresdener Zwinger besichtigen, während man selber versucht dem Navigationssystem klar zu machen, dass es Steinbach und Steinberg wirklich irgendwo in Rheinland-Pfalz geben muss, es aber auch sein kann, dass wir nach Haiger, Gießen oder Wetzlar müssen.
Wir sind weder zum Hinrunden-Finale nach Schweden gereist, noch zum san-marinesischen Meister, um ihn auf seiner Champions-League-Mission zu begleiten, sondern haben es uns etwas leichter, aber nicht minder unterhaltsamer, gemacht und einfach bei verschiedenen Saisonauftakten in unseren Nachbarligen im Inland vorbeigeschaut, mit eigens ersonnener „Mini-Hinrunde“ und „Mini-Rückrunde“.
Lang gereifte Pläne, die nun endlich realisiert werden. Ein gegenseitiger Besuch ohne Fußball? Was soll die Frage überhaupt? „Können wir ja mal in der Pause machen.“ „ Aber es ist doch Pause …“.
Durch viele Auswärtsfahrten zwar schon weit herumgekommen, fühle ich mich auf süddeutschem, insbesondere aber bayerischem Terrain, noch etwas unsicher, ideal, wenn der Kollege N. hier als Experte seine „Heimspiele“, von der Stuttgarter Kommandozentrale aus angesteuert, in unserer „Hopping-Hinrunde“ präsentiert. Durch die jahrelange Exilerfahrung im tiefsten Westen der Republik kann ich mich nur zwei Wochen später dann zur „Rückrunde“ für den malerischen Aufenthalt in Schwaben und den bayerischen Zauber mit knallhartem Malocherfußball im Pott revanchieren.
So packe ich nach dem Testspiel meines geliebten FC gegen Angstgegner Hertha Wiesbach auf der Platzanlage des SC Großrosseln, die mich schon vor Antritt der eigentlichen anstehenden Hopping-Tour entzückt, habe ich es anno damals irgendwie stets verpennt unsere bedauerlicherweise nicht mehr existente Zweitvertretung beim Sparkassen-Cup oder wie sich der heimliche Saarlandpokal inzwischen schimpft, zu unterstützen, meinen von vielen Fahrten stark lädierten Rucksack und freue mich auf die nächsten Tage in den Südländern. Dank Sparpreis und makelloser IC-Verbindung überwinde ich die rund 230km von Saarbrücken in die württembergische Metropole Stuttgart schnell und preisgünstig. Einziges Manko bei den Sparpreisen der Bahn ist die geringe zeitliche Flexibilität, doch Stuttgart ist nicht Nöttingen und so gibt es immer viele gute Gründe der Königstraße und ihren Verweilmöglichkeiten mit gepflegtem Stadtmobiliar einen Besuch abzustatten, ehe der geschätzte Kollege der Arbeit befreit ist und mich am Kirchheimer Bahnhof am frühen Nachmittag abholen kann. Arbeit, Fahren, Laufen machen hungrig und durstig und so genießen wir eine kulinarisch erstklassige Verköstigung vor unserem, natürlich nur rein sportlich gesehen, niederklassigen Wochenendprogramm. So ganz ohne feuchtfröhliche Einstimmung auf die Fahrt ins Weißwurstland soll der Freitagabend in Stuttgart allerdings nicht verstreichen, sodass wir uns nach einem kurzen Check-up über die Zugverbindungen nach Augsburg und München ins Nachtleben der Landeshauptstadt begeben und bei munterem Treiben um uns herum dem weißen und goldenem Tequila in einer auf die mexikanische Spirituose spezialisierten Bar frönen. Einige Fläschchen des dort heimischen „Wulle-Bieres“, das ich meinem urpilsverwöhnten Gaumen testen lasse, und Selbstportraits für den Fanklub später, beschließen wir uns allmählich, zumindest einmal in Richtung unserer Schlafgemache, zu bewegen; die letzten Kilometer des Wegs überlassen wir einem äußerst schwatzsüchtigen Taxifahrer, der in gebrochenem Schwäbisch von freien Autobahnen in der guten alten Zeit parliert, viel mehr habe ich nicht verstanden und überlasse daher meinem heimischen Kompagnon die Gesprächsführung.
Dann läutet der Wecker auch schon den Samstag ein und dank der gegebenen Nähe unseres Zwischenstopps Augsburg können wir ohne große Eile zum Bahnhof aufbrechen. Wie es sich gehört für erfahrene Schlachtenbummler geht es standesgemäß mit dem „Schöner-Wochenend-Ticket“ bewaffnet, dessen Preisstaffelung sich abermals geändert zu haben schien, los, zunächst auf die andere Seite Schwabens, da wo die Fahnen schon weiß-blau wehen. Fußballfans sind an diesem Wochenende eher weniger unterwegs oder aber wie wir inkognito, dafür andere sonderbare Grüppchen. Da finden sich an diesem Samstagmorgen trinkfeste Hobby-DJs, die den Innenraum des Zuges mit einem bunten Musik-Mix beschallen, vorab sogar höflich fragen, ob die Diskostimmung den Mitfahrern abseits der eigenen Gruppe gefalle, sich dann aber schließlich doch ekstatisch über das „verkorkste Deutschland“ in Rage reden, als ein Bahnkunde dezent seine Begeisterung negiert. Und dann sind da auch pflichtbewusste Mütter vorpubertierender Kinder, welche zu schwere Schulranzen, zu viel Lernstoff, und eine ungerechte Notenvergabe in den Klassen ihrer Sprösslinge anmahnen und sich schützend vor ihre Kinder dem bayerischen Schulsystem entgegen werfen, denn das Leben eines Fünftklässlers sei in der heutigen Zeit ja kaum noch zu ertragen. Wir machen uns erst einmal ein Bierchen auf, bevor die Gerstenschorle noch vor lauter Mitleid wegsiedet und lächeln bekräftigend zurück. Wenn erst einmal der Dreisatz behandelt wird, dann ist es eh mit jeglicher Freizeit zu Ende; die Mütter bekräftigen sich gegenseitig und berichten ihren Kindern von den sie noch erwartenden Grausamkeiten der Mittelstufe. Da kann man nur inständig hoffen, dass der Nachwuchs rechtzeitig die Kurve bekommt und nicht an der Bruchrechnung zerbricht. Sonst enden sie noch so wie wir und sitzen, an Bierflaschen nippend, samstags Vormittag im Regionalzug und finden keine sinnvollere Beschäftigung außer abgedroschenen Amateurfußall zu schauen. Ja mei Herrgott, wo koamen wir denn doahin?!
Voll im Zeitplan erreichen wir nach kurzweiliger Fahrt auch schon den Augsburger Hauptbahnhof und bewegen uns von unserem ausgeklügelten Instinkt geleitet, den uns der Fußballgott mit auf die Reise gegeben hat, in die richtige Richtung zum altehrwürdigen Rosenaustadion, das wir auch problemlos und relativ zügig kraft frühzeitiger Beschilderung erreichen. Als erstes erblicken wir die mit hölzernen Jalousien verriegelten Kassenhäuschen zu deren Füßen Disteln und Löwenzahn den Eingangsbereich des Gästeblocks zu einem Botanischen Garten für Fußballromantiker wie uns werden lässt. Dass hier ein Spiel auf mittelmäßigem Regionalliga-Niveau stattfindet, was sich übrigens auch mit gut gemeinter Beurteilung so stehen lassen lässt, zwischen zwei Mannschaften, die uns nur am äußersten Rande unseres ansonsten breit angelegten Fußballinteresses tangieren, stört uns überhaupt nicht. Wir beide sind das erste Mal hier, N. kennt immerhin schon den Augsburger Neubau, in der die erste Mannschaft des hiesigen Bundesligaklubs seine Heimspiele austrägt. Doch sind wir uns schnell einig, dass hier ein lohnenswerter Hopping-Punkt eingeheimst werde. Das riesige Rund ist bis auf die 540 Zuschauer, die sich bei herrlichstem Sommerwetter alle auf der nostalgischen Haupttribüne befinden, völlig verwaist. Ein riesiges Stadion, das, obgleich auch viele Unterschiede auszumachen sind, architektonisch direkt an den immer in unseren Herzen weiter lebenden alten Ludwigspark erinnert. Frenetische Fangesänge oder Hexenkasse-Atmosphäre erleben wir natürlich absolut nicht an diesem Tag, doch das riesig wirkende, sehr alte, aber doch sehr gepflegte und sich nach eigener Begutachtung baulich in gutem Schuss befindliche Stadion lässt erahnen, dass durchaus eine Menge Potenzial in ihm steckt bzw. steckte. Ein paar Aktive der Augsburger Szene befinden sich ebenso auf der längsseitig über das Spielfeld reichenden Tribüne, allerdings haben sich diese links von den Sprecherkabinen niedergelassen und sich somit für die andere Seite als wir entschieden. Anfeuerungsrufe oder sonstige Gesänge vernehmen wir nicht, genauso wenig wie Gästefans. Wir beschäftigen uns indes sowieso mehr mit dem Stadion, der nostalgischen hölzernen Bestuhlung, der imposanten Fahnenmastreihe im Rücken der Gegengeraden oder etwa der analogen Anzeigetafel als mit dem Spiel an sich, das an Spritzigkeit, die man sich an einem Auftaktspieltag wünscht, missen lässt und eher wie ein letzter Spieltag, in dem es für beide Mannschaften nur noch darum geht, verletzungsfrei in die Sommerpause zu kommen, vor sich hin plätschert. Auf der Toilette unterhalten sich zwei Besucher und offenbar langjährige Weggefährten des hiesigen FCA über die Schönheit des stillen Örtchens und darüber, dass sie diesen Ort besonders vermissten. Ja, es hat durchaus nostalgischen Stadioncharme; gegen die Toilettenanlage im D-Block könnte es aber glatt als eine hochmoderne Sanifair-Anlage durchgehen. Die Neugierde auf das bayerische Offre am Grillstand lotst uns unterhalb der Grasnarbe an den Spielfeldrand; ohne Wertmarken geht hier aber nichts und so halten wir die wohlverdiente Stadionwurst erst nach doppeltem Anstehen in den Händen. Für drei Euro fünfzig eine herbe Enttäuschung: klein, fettig, ausgetrocknet, vielleicht gerade noch ausreichend. Eine Note, die nicht nur die Mütter aus der Regionalbahn nicht akzeptieren würden. Das Spiel endet mit einem Remis und einem Tor auf beiden Seiten, wirklich beschweren kann sich wohl keine Mannschaft; vielleicht war Nürnberg etwas aktiver, Augsburg wirkte taktisch etwas geschickter und kam mit weniger Aufwand zum gleichen Ergebnis. Wir fotografieren das Rund noch schnell aus sämtlichen Perspektiven, kraxeln hier und da über eine Sitzreihe, bewundern noch einmal schnell den Stadioneingang ohne computergestützte Drehkreuze und Metalldetektoren und machen uns dann gemütlich auf, zurück zum Hauptbahnhof, denn die Reise soll an diesem Tag noch bis nach München weitergehen. Und trotz des mauen Spiels steigert sich unsere Vorfreude auf Fußball, die neuen Saison und weitere Spielen mit jedem Schritt und jedem Blick zurück auf die Flutlichtmasten in unseren Rücken und das noch folgende Programm. So studieren wir kurzerhand detailgetreu die Tabelle der Regionalliga Bayern, wohlgemerkt nach dem ersten Spieltag, und lechzen nach mehr Fußball.
In München angekommen schaffen wir uns zunächst ins Hotel, überprüfen ausgiebig den Smart-TV auf seine Tauglichkeit und machen uns fertig für die Münchener Schickeria – pardon – High-Society. So lassen wir den Abend nach einem ausführlichen Stadtspaziergang und einer Schnell-Sightseeing-Tour auf eigene Faust in einem rustikalen Brauhaus in unmittelbarer Nähe des Marienplatzes ausklingen, stellen und nicht vor, wie der FC Bayern hier seine Titel Nummer siebenhundertdreiundvierzig bis sechsundvierzig oder so feiern wird, sondern stoßen viel lieber auf die Tour und den Tag an und genießen jeden Schluck des Gerstensaftes, der bei einem Preis von über fünf Euro pro Glas, nicht Maß, in etwa einem Euro fünfzig entsprechen dürfte, nebst kleines Schnitzel für schlappe zwanzig Euro.
Das oberbayerische Preisniveau wird und allerdings am Sonntag noch viel mehr beschäftigen.
Nach einer kleinen Verdauungs-Party im „Super 8“ zu Ehren des Vereinigten Königreichs der Niederlanden, die wir uns dank eingängiger Videoplattformen im weiten, großen Internet spontan nach Laim ins Hotelzimmer holen und nachdem der Kollege seinen Blutdruck nach Betrachten nicht jugendfreier Derbyaufrufe in Videoform – nebenbei, schlimme Bilder – gegen erfolglose nordbadische Ligakonkurrenten wieder einigermaßen auf Schlafniveau heruntergefahren hat, brach auch schon ganz bald der neue Morgen herein, auch wenn die Sonne sich erst später zeigen wollte. Das mit dem Frühstück verlegen wir kurzerhand auf den Weg nach Giesing in eine Selbstbedienungsbäckerei. Fernab der Gucci-Bourgeoise der Maximilianstraße erleben wir hier die bunten Obszönitäten einer Großstadt in Form eines entgeltlichen oder außerberuflichen, man kann nur munkeln, Rendezvous bei Pappbecherkaffee und Aufbackcroissants morgens um elf zwischen einem Herrn mittleren Alters und seinem lateinamerikanischen Gegenüber. Nähere Ausführungen würden an dieser Stelle ins Uferlose führen und so setzten auch wir unseren Weg zum Stadion an der Grünwalder Straße fort, verirren uns zunächst am Giesinger S-Bahnhof, da wir es als fachkundige Kenner des Fußballsports nicht von Nöten hielten, die Lage des Stadions näher auf der Liniennetzkarte zu orten, schließlich wisse ja jeder, dass das Sechzigerstadion in Giesing ist, ehe wir uns dann doch dazu entschließen die Haltestelle anzusteuern, welche uns Reiseführer, Smartphone und die Internetseite der gastgebenden Mannschaft vorschlagen. Und jählings befinden wir uns auch schon im Mob der „anderen“ Schickeria Münchens, nicht diejenige, mit der wir am Vorabend die Straßen der City teilten, die, wie wir, gerade im Begriff waren den U-Bahn-Tunnel zu verlassen.
Am Kassenhäuschen dann der angekündigte Witz, der sich allerdings nicht als solcher bestätigte. Fünfzehn Euro für die Zweitvertretung des großen, ruhmreichen FC Bayern Münchens für ein Regionalligaspiel! Jaja, Uli, sieben Euro in der Südkurve, aber fünfzehn Euro für euren Nachwuchs… . Unsere Nachfrage am Kassenhäuschen erwidert die ältere Dame mit der Gegenfrage, was es denn für Gründe geben solle für eine Eintrittsermäßigung. Wir versuchen ihr zu erklären, dass diese Option durchaus bei anderen Vereinen gängig sei, um auch finanziell Schlechtergestellte am Breiten- und Volkssport Fußball und dem im hiesigen Kulturkreis gesellschaftlich förderlichen Vereinsleben teilhaben zu lassen, schließlich fuße dieses als Gemeinschaft von Gleichgesinnten ja irgendwie auch auf dem Solidaritätsgedanken und dass wir uns dies gerade vom deutschen Vorzeigeverein FC Bayern erwartet hätten. Doch erfolgreich sind wir nicht: „Naaa, soawas gebts hier niiet.“
Wiederwillig passieren wir die Einlasskontrolle, für fünfzehn Euro müsste man doch in der Regionalliga dann als VIP gelten, aber noch nicht einmal Seife findet sich auf dem örtlichen Lokus. Wir zeigen uns neunzig Minuten entrüstet über diese maßlose Unverschämtheit in dieser Art und Weise mit seinen weit angereisten Gästen umzugehen und so wirklich ablassen mich aufzuregen kann ich während des gesamten Spiels nicht. Links von uns vielleicht fünfzig Illertissener; der zur Berühmtheit gelangte Trommler ist ja bekanntermaßen nicht mehr aktiv, eine weitere Attraktion, die bei diesem Spektakel aus dem fünfzehn Euro starken Event-Paket offenbar dem enormen Sparzwang des Rekordmeisters erliegen ist.
Die Anhänger der Bayern-Amateure unterstützen ihre Mannschaft über die gesamte Spielzeit hinweg, ist im Gegensatz zur Amateurszene aus Dortmund, der wir noch in ganz junger Vergangenheit sportlich selbst gegenüberstanden jedoch nur ein schwaches Licht. Das Spiel selbst ist fußballerisch deutlich besser als das gestrige, jedoch vor allem im zweiten Abschnitt auch kein Schmankerl, um es regionalgebunden auszudrücken. Auch bei den Amateuren ist es nicht anders: Der FC Bayern siegt.
Bei uns siegt mit jedem Schritt wieder Richtung Stuttgart die gute Laune und so blicken wir bei Schwenker und gekühltem Urpils unter der schwäbischen Abendsonne auf ein gelungenes Hinspiel-Wochenende zurück. Das Rosenaustadion war wirklich beeindruckend, das ewig von uns ersehnte Grünwalder hat durch Renovierungsarbeiten und Eintrittspreise bei Bayern-Spielen etwas an Mystik verloren, doch seine Lage inmitten eines Wohnviertels und die Geschichte und Tradition, die an ihm haften, lassen es dennoch einer der deutschen Stadionadressen bleiben.

 

Wie aus dem Europapokal gewöhnt, standen zwei Wochen später die Rückspiele unseres Sommer-Hoppings an. Wirklich international bewegten wir uns dabei nicht, doch interregional durch die Republik zu reisen birgt auch einiges an interkulturellem (Konflikt-)potenzial. Von Bayern nach Preußen, vom Schwabenländle in den Kohlepott oder eben von Stuttgart nach Duisburg. Wir tauschten die Gastgeberrollen und voller Stolz nahm auch ich die Herausforderung an, Kultur und Fußball an einem Wochenende zu einem großen, festlichen Ganzen verschmelzen zu lassen und N. von der Schönheit des Ruhrgebiets zu überzeugen.
Fast pünktlich gegen halb zwölf steht der Besuch aus Baden-Württemberg vor meiner Haustüre in Saarbrücken. Doch die Verweildauer in der saarländischen Metropole überschreitet dieses Mal die Zeit eines Toilettengangs und Erfrischungsgetränks nur unmaßgeblich, sodass wir zügig zu den Spielen in den tiefen Westen weiterfahren. Nicht ganz da, wo die Sonne versinkt, denn das tut sie ja bekanntlich in Bochum, aber dahin wo man sie sowieso niemals sieht: nach Duisburg. Heitere knapp vier Autostunden später und wieder voll im „Holland-Modus“ erreichen wir unser Ziel. Wiederum drängt der Zeitplan, nur noch wenige Stündchen bis zum Eröffnungsspiel der Dritten Liga, anlässlich dessen sich an diesem Abend der Meidericher Spielverein und der SC Paderborn duellieren. Und immer noch tut es weh von dieser Liga als Anhänger der Molschder zu schreiben. Witzig, dass mein letzter Besuch an der Wedau zu Beginn der zurückliegenden Spielrunde auch gegen den damaligen Erstligaabsteiger Paderborn ausfiel und ich damals Vermutungen anstellte, wohin denn der Weg für beide Klubs in der folgenden Saison führen könnte. Die Antwort liegt nun vor.
Mit dem Bus sind wir zügig in der Duisburger Innenstadt und endlich kann ich N. beweisen, dass Duisburg und Stuttgart quasi Zwillingsstädte sind, „aber weiße, woanders is auch scheiße“, wie man hier zu sagen pflegt. Wir haben Glück, denn unser Wochenendbesuch fällt mit dem Duisburger Stadtfest zusammen und so überzeuge ich meinen Kumpel von der wahren Stärke der Hafenstadt: seinem Bier. Frei nach dem Slogan: „Dein Tag, unser Beitrag“ lassen wir es uns königlich gut gehen und wie ich so auf das Stadttheater und die Grünanlage inmitten der Königstraße schaue, wird mir doch ganz wohlig ums Herz: „Kärr, so schlimm isses gar nich.“ Ein kurzer Abstecher zum Wahrzeichen der Stadt muss aber noch sein und der bunte Vogel, den ich mit seinem Wasserspiel noch nie so intensiv wie in diesen Minuten habe auf mich Wirken lassen, stimmt mich zufrieden. Das frisch gezapfte Beecker Hopfenerzeugnis liefert sicherlich auch seinen Beitrag dazu; der Kontrast zu Marienplatz und Englischem Garten ist unbestreitbar, aber auch irgendwie schön. Ja, irgendwie ist es schön.
Es lebe der König (der Biere), ein Hoch auf unser schönes Land!
Den Becher geleert, ziehen wir zu dritt, mit einem weiteren guten Freund aus alten Tagen an unserer Seite, bevor es noch zu sentimental wird, mit der U-Bahn zum Stadion weiter. Ruhrpott maskenlos, der Kulturschock glückt.
Für uns ist ja irgendwo doch Sommerpause – jetzt entledigen wir uns der anfänglichen Defintionsversuche völlig, kackegal- „im Pott tun eh andere Regeln gelten, weiße“- und so haben wir uns im Vorfeld ausnahmsweise drei Haupttribünenkarten, natürlich mittig mit bester Sicht aufs Feld und auf beide Fanlager, gegönnt.
Auf Duisburger Seite kann man durchaus eine rege Aufbruchsstimmung und die nötige „Geilheit“ feststellen, der es ohne jede Frage auch bedarf, um die Rückkehr ins Bundesliga-Unterhaus schnellstmöglich zu bewerkstelligen, während der Blick in den Gästebereich mehr als enttäuschend ist. Dass der SC Paderborn noch vor vierzehn Monaten erstklassig war, davon ist nichts zu spüren, gefühlt tritt hier mit dem SCP auch kein „schlafender Bundesligist“, wie man es Saarbrücken, Essen oder eben Duisburg attestieren könnte, im Wedaustadion an. Wie der rückwärtsgerichtete Durchmarsch der Ostwestfalen von der ersten in die dritte Liga keinem wirklich aufgefallen zu sein scheint, so würde wohl auch von einem weiteren Abstieg der 07er in die Regionalliga kaum einer Notiz nehmen.
Vor Anpfiff dann eine kleine Eröffnungszeremonie mit Ligahymne, Präsentation des Meisterpokals und kurzer Turn- und Tanzeinlage; man könnte meinen die Europameisterschaft habe sich an den Rhein verirrt. Das Spiel zu schauen macht wirklich Spaß. Zwar erleben wir wieder einmal kein wirkliches Spektakel, doch so gelassen und unverfangen ein Spiel zu schauen, tiefenentspannt und immer ein frisches KöPi an den Lippen, ja da könnte man sich fast dran gewöhnen. Die Duisburger Sitzplatz-Schickeria hinter uns zeigt sich auch etwas lebendiger als an der Grünwalder Straße, so folgen Jupp, Willy und Bodo um uns herum der Aufforderung der Anzeigetafel nach Biernachschub im Viertelstundentakt gehorsam, sodass sie in Sachen zurückgelegter Wegstrecke Kevin Wolze und Fabian Schnellhardt auf dem satten Grün in nichts nachstehen dürften. Dass mein Cousin, auch nur Biergesicht hier beim MSV, wirklich zufällig genau auf dem Platz in der Reihe vor uns kurz vor Anpfiff Platz nimmt, sorgt für ein ungeplantes, aberwitziges Wiedersehen.
Obwohl wenige Torchancen zu Buche stehen, ist das Spiel sehr vergnüglich, die Zebras gewinnen am Ende verdient, dennoch nicht hochverdient, mit einem Tor auf ihrer Seite, gegenüber null auf dem Torkonto der Paderborner und machen den ersten Schritt Richtung Rückkehr in Liga zwei.
Zurück entscheiden wir uns für den Zug nach Moers mit einer so typischen Rückfahrt für den Pott nach Fußballspielen des MSV oder auch Schalke. Die kleine Bahn ins Duisburger Vorland ist rappelvoll, genauso 90% der Mitfahrer, die sich, hier nichts Ungewöhnliches, gegenseitig durch Backpfeifen und Bierduschen liebkosen und ihren Verein und sich selbst feiern. Trotz Hitze, Enge und Gestank steigt in mir immer mehr die Lust, schon bald wieder Volldampf für den eigenen Club zu geben. Lustig auch, dass ein Trüppchen in HSV-Trikots dazu steigt, die beim Bochumer VFL eine 0:1 Testspiel-Pleite bestaunten, auch nicht wirklich ungewöhnlich.
Ohne große Pläne im Petto, zieht es T. und mich quasi instinktiv in die Moerser Insider-Kneipe, es wäre fatal, unserem Gast N. diese Sehenswürdigkeit vorzuenthalten. Hier gibt es für den fairen Euro frisch gezapftes Pils oder andere Köstlichkeiten für unwesentlich mehr. Mehr Kontrast zu München geht nicht. Am Nachbartisch feiert eine Mädchen-Clique 18-jähriger mit einem Eimer Sangria; ihre Anführerin hat gleich mehrere Strohalme zwischen ihren zarten Lippen. Wir kommen schnell ins Gespräch und voller Stolz berichtet sie uns, dass ihr Kind zu Hause auf sie warte. Na, dann wohl bekommt’s.
Später in der Nacht treffen wir sie in einer anderen Lokalität nochmal wieder, naja, wenn das Kleine eh schon schläft…
Die Gläser klirren noch einige Male an diesem Abend, heiter, aber wohlauf geht es irgendwann zurück in unsere Schlafgemache, denn am nächsten Tag war ja wieder Spieltag. Logisch. Habe ich oben ja auch erklärt.
Die Macht vom Niederrhein und vom Ruhrpott sowieso, RWO, lockte uns mit seinem Eröffnungsspiel gegen einen anderen ehemaligen, gefühlt ewigen, Weggefährten, Rot-Weiß Ahlen, wieder einmal ins Stadion. Weitaus weniger los als am Vortag in Duisburg, etwas müde, aber topmotiviert sind wir also wieder auf Regionalligafußball umgestiegen.
Um die Geschmacksnerven und die ausgetrockneten Mundhöhlen wieder zu reaktivieren, genehmigen wir uns einen Leckerbissen hinterm Block. Leider kann ich N. nicht davon überzeugen, die erstklassige Currywurst auszuwählen, das muss sich nächstes Mal ändern. Mit einem torlosen Unentschieden geht es in die Pause, in der mich nicht nur das Maskottchen der rot-weißen Heimelf, der kickrollerfahrene „Underdog“, heimtückisch von hinten im Block erschreckt und mir grinsend seine Zunge entgegenstreckt, sondern in der wir auch feststellen, dass die „Rückspiele“ ganz schön arm an Toren im Vergleich zu unseren Hinspielen seien. Diese Randbemerkung scheint wohl irgendwie über versteckte Lautsprechersysteme in die Ahlener Kabine gedrungen zu sein, sodass die Gäste RWO in Hälfte zwei mit vier Toren zerlegen und die Fanseelen der Heimfans schmerzlich verwunden. „Trainer-raus“- Rufe am ersten Spieltag! Hier an der Emscher muss einiges im Argen liegen und dabei hattet ihr mal so einen Erfolgsgaranten auf der Trainerbank, liebe Kleeblätter! An dieser Stelle dann mal wieder eine saisonübergreifende Überlegung meinerseits mit der offenen Frage, welchen der beiden ehemaligen Wegbegleiter unseres FC wir als erstes, vielleicht nächste, übernächste, oder auch erst in zehn Jahren wiedersehen werden? Ich tippe trotzdem auf RWO.
Dank kostenintegrierter An- und Abreise im ÖPNV mit Kauf der Eintrittskarte, das scheint ja doch auch in der Regionalliga zu funktionieren, wertes FC Management, hält der Rückweg ins Wochenendquartier keine Probleme oder finanzielle Überraschungen mehr bereit. Etwas beeilen wollen wir uns, das ist alles, denn für den Abend steht noch ein gemütliches Grillfest in illustrer Runde mit weiteren Freunden auf dem Programm, zu dem wir uns im VfB bzw. FCS-Trikot begeben. Denn mit Abpfiff des Spiels im Niederrheinstadion gilt nur noch eins: Blickrichtung Saisonauftakt. Und zwar jetzt der, und nur der, UNSERES Vereins.
Go, FCS!
Danke N. für zwei geile Wochenenden, danke auch T. für KöPi, Karten und jede Menge Spaß. Sech.

 

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